Regenschirm
Regenschirm
雨傘
- Den Regenschirm öffnen
- nicht weil sonst der Regen zu Boden fällt,
- sondern damit ich und andere nicht
-
nass werden.
- Einen Regenschirm aufklappen
- wie unpraktisch
- für jene, die einen öffnen
-
und auch für jene, die keinen haben.
- Denn der Schirm kann jemanden aufspießen
- hindert einen beim Vorankommen
- blockiert den Verkehr.
- Regnet es also
-
geht jeder notgedrungen langsam.
- Wohin nur mit dem
- tropfnassen Schirm?
- Betreten wir ein Geschäft
- tropft er womöglich den ganzen Boden voll.
- Nicht jeder hat eine Regenschirmhülle,
-
nicht jeder streift seine Hülle über den Schirm.
- Stellt man den Schirm in den Ständer,
- wird er womöglich vergessen
-
oder sogar gestohlen.
- So ist es eben,
- wenn es regnet
-
und du einen Schirm in die Hand nimmst.
- Doch es gibt auch Tage
- an denen ist der Regen zu stark, weht der Wind zu heftig
- da hilft auch ein Schirm nicht.
- Mein Mann zum Beispiel –
-
einmal regnete es in Taipei aus Kübeln.
- „Da nimm!“, sagte eine Frau unter den Arkaden zu ihm.
- Mein Mann winkte ab,
- doch sie drängte ihm den Schirm auf
-
und ging weiter.
- Mit diesem Schirm schlenderte mein Mann durch die Straßen
- bis er ihn irgendwann in einen Ständer stellte
- und mir später diese Geschichte erzählte.
Hoffnung
希望
- Ein müdes Kamel
- blickt in den Himmel
- wartet auf den Grashalm
- der herabfällt
- und es totschlägt.
Mauer
牆
- Eine Mauer stürzt ein
- Eine Mauer wird errichtet
- Eine Mauer erschlägt Menschen
- Eine Mauer trennt Menschen
- Eine Mauer wird übersprungen
- Eine Mauer spaltet die Köpfe der Menschen
- Eine Mauer bringt Menschen zum Weinen
- Eine Mauer macht Menschen stumm
- Eine Mauer mit Graffiti besprüht
- Eine Mauer zum Hochschauen
- Eine Mauer trennt die Welt
- Eine Mauer rund um die Welt
- Eine Mauer wird betrachtet
-
Eine Mauer wird ignoriert
- Aus: Lin Wei-Yun 自己和不是自己的房間 [Mein und doch nicht mein Zimmer], Book Republic Taiwan, 2018
Lin Wei-Yun
Lyrikerin, Akademikerin und Übersetzerin mit Schwerpunkt Polen.Alice Grünfelder
Schriftstellerin (u.a. Wolken über Taiwan, Jahrhundertsommer), auch Übersetzerin von moderner Literatur aus Tibet und Gedichten aus Taiwan, 2024 erschien bei Hochroth Leipzig z.B. der Band Küsten mit den Meeresgedichten von Tsai Wan-Shuen.Magazin für stirnen bieten: Magazin für stirnen bieten: Magazin für stirnen bieten:
Teilbetrachtung
Teilbetrachtung
觀看的局部
- Blute ich, läuft es nicht einfach
- an den Innenseiten der Oberschenkel hinunter, unter der Dusche, dunkelrote Blutzellen, wie die Adern eines Blattes,
- verklumpen, verblassen
- als stünden sie unter Druck
- der Bauch eine einzige offene Wunde, die Vagina welkt, das Ei löst sich auf, ich spüre, wie sich eine Blüte in mir öffnet. So ist das Leben.
- Wenn ich mich drehe, zieht es in der Hüfte
- die Leere zwischen den Schamlippen
- zittert, pulst
- die Gebärmutter bläht sich auf
- gewinnt an Kraft, dieser Zustand
- entlockt mir zum ersten Mal ein Wimmern – ein kleiner Muskel zieht sich zusammen, auseinander
- wieder wabern Schmerzwellen
- durch mein Hirn, pressen die Organe
- zusammen. Auch so ist das Leben, und
- als ich die Haut abwasche, fließen Flecken
- an mir herunter,
- kleine Klumpen reihen sich wie
- Rosenblüten an einer Kette, so unschuldig,
- weil es in mir brodelt, spüre ich
- in diesem Augenblick einen Stich:
- „Weil es im Leben oft in Vergessenheit gerät.“
- Weil es zurückgehalten wird
- weil es Mitleid erregt
- diese Last in all den Jahren.
- Zwischen heimlichem Gehorsam und Tadel rügen dich manche, andere beißen die Zähne zusammen. Manchmal bin ich mir deshalb selbst meine Muse.
- „Zum Lachen brauche ich keine Erlaubnis.“ Das ist
- Freiheit, fließend wie kristallklares Wasser,
- eine Ahnung, unwiderruflich,
- und ich rufe, Muse, manchmal bin
- ich es selbst -
Moos
苔蘚
- In meinem Herzen, das Herz eines Bastards,
- steht eine Mauer,
- darin eingemeißelt: Liebe und Freiheit.
-
Ich will beides.
- Wenn du dich so einkapselst, scheinst du wie tot
- aus der zertrampelten Erde sprießen
- Triebe mit flachen Wurzeln, wachsen vor sich hin,
- ihre Kraft ungebrochen. Zwischen Augenblicken der
- Erleuchtung fehlen dem Wind die Worte
-
ihre Schönheit zu besingen.
- In einem unbewussten Augenblick spielt jemand
- die Andante spianato von Chopin
- zu Ende. Jemand hört zu
-
das Morgenlicht wellengeriffelt.
- Aus: Forest Lin 原光 [Urlicht], Shibao Wenhua Chubanshe, 2025
Forest Lin
Geboren im Frühling 1999 in Taipeh, studierte Philosophie und liebt Mahler, schreibt Essays und Gedichte sowie Musikkritiken mit Schwerpunkt klassischer Musik. Und: «Beim Spazierengehen nachdenken, im Kaffee sitzen und Menschen beobachten, vor dem Einschlafen Gedichte schreiben, im Traum die Realität vorwegnehmen.» Für ihren zweiten Gedichtband 原光 erhielt sie 2024 den Yang-Mu-Preis. Ihre Poesie zeichnet sich durch assoziative Traumsequenzen aus, die cineastisch choreografiert sind.Alice Grünfelder
Schriftstellerin (u.a. Wolken über Taiwan, Jahrhundertsommer), auch Übersetzerin von moderner Literatur aus Tibet und Gedichten aus Taiwan, 2024 erschien bei Hochroth Leipzig z.B. der Band Küsten mit den Meeresgedichten von Tsai Wan-Shuen.Magazin für stirnen bieten: Magazin für stirnen bieten: Magazin für stirnen bieten:
Kommentar
Maria Marggraf
geb. 1991, lebt in Basel. Produktionsleiterin des Lyrikfestivals Basel und literarische Stadtführerin. Sie arbeitet gerne gattungsübergreifend, entwickelte u.a. für die Zentrale für Umweltausstellungen das Insektenorakel. 2022 erschien ihr Debüt «am morgen der schildkrötenpanzer» (bübül Verlag). Der Text «Invasive Arten» erhielt einen Förderpreis der Wuppertaler Literatur Biennale 2024. Im Frühjahr 2026 erscheint der Lyrikband «ich aß dein kraut» bei pudelundpinscher.
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Wie schwarz denn noch?
Wie schwarz denn noch?
還有多黑
- Was ist mit Deiner Melancholie?
- Die ist beim Sonntag geblieben.
- Wie schwarz wird sie noch?
- So dunkel, dass ich damit drei Gassen abgehen kann.
- Dampft sie?
- Nicht wenn ich am Meer bin.
- Und deine Knie?
- Jeden Abend beißen Moskitos heimlich kleine Fleischstücke aus.
Schlaflos verwelken
眠花謝光了
- Einst dachte ich, schlafen sei einfach,
- doch der Zeitunterschied brodelt die ganze Nacht
- schlaflos verwelken
- zwischen den Brauen bellt ein Hund
- das Kopfkissen versteht
- das Bett schwebt in einer anderen Welt
- so verschiebt sich das Frühstück nach hinten
- nur wenn ich etwas Warmes trinke
- vermag ich mich zu öffnen
- oder alles abzuschütteln.
Du liebst nicht das, was ich liebe
你的喜歡有關無關我的喜歡
- Ich will zu deiner Zigarette deinem Wein werden zum Küchentuch in deinen Händen
- zum Feuer das Blumen löscht
- will auf den Haaren deiner Brust wie auf einem Rasen liegen
- am Brückenkopf warten, wie du langsam mit einem Boot herbeiruderst
-
auch wenn ich lange warten muss und tief atme wenn die Nacht fällt
- Wir schieben unsere Küsse wie Schubladen auf zu oben unten
- ertasten unsere Hitze in Wellen
-
polieren mit den Fingerspitzen unsere Herzen
- Tränen fallen später
- aber nicht aus Augen die ich schließe wegen dir
- Wolkenklumpen blauen Atems
- verliert sich zitternd in Erinnerung
-
Was kümmert dich was ich liebe
-
Du liebst nicht das was ich liebe
- Nicht so einfach vertrocknet die Liebe
- Nicht so einfach vertrocknet die Liebe
- Sie ist groß so wundergroß
- Die Straße weit unendlich weit
-
Lass uns im Zoo Flügel stehlen
- Siegen oder grüßen
- Ich weiß nicht, was der Juni bedeutet
- hab nur gehört, dass es in Yunnan endlich regnet.
- Die ganze Nacht war mein Magen
- eines zusammengeklumpten Zeichens wegen verstopft,
- weil ich eine Zeile geschrieben, wieder ausradiert hatte
-
so satt war ich, nur sprödes Stroh drängte aus mir heraus.
-
Besetzt Dich die Einsamkeit?
- Du zerkaust den Kopf einer Fliege, als ob nichts dabei wäre?
- Füllst du ein ganzes Parkfeld?
- Vor lauter Glück willst Du Dich fallen lassen?
- Wen schmerzt Dein Herumstreunen?
-
Wie kannst Du Sterne mit Deiner Zungenspitze ausspucken?
- Wie Erdbeermilch fließt ihr verspätetes Blut
- großmütig öffnet sie den Kopf, legt ihr Nichts frei,
- so fruchtfeucht sind ihre Augenlider, dass Moos darauf wächst.
- Ich weiß nicht, was Liebe ist,
-
hab nur gehört vom Regenbogen über der Insel.
- Wirst Du noch immer dort stehen?
Ye Mimi
Mehrfach ausgezeichnete Filmemacherin und Lyrikerin, sieht sich weniger als Autorin, die Gedichte schreibt, denn als «Übersetzerin», inspiriert von Träumen. Die Expressivität ihrer Video-Poems zeigt sich auch in ihrer Lyrik, ihrem Spiel mit surrealistischen Bildern, fernab jeglicher Logik – eine Herausforderung für die Übersetzung in andere Sprachen.Alice Grünfelder
Schriftstellerin (u.a. Wolken über Taiwan, Jahrhundertsommer), auch Übersetzerin von moderner Literatur aus Tibet und Gedichten aus Taiwan, 2024 erschien bei Hochroth Leipzig z.B. der Band Küsten mit den Meeresgedichten von Tsai Wan-Shuen.Magazin für schönrechnungsart Magazin für schönrechnungsart Magazin für schönrechnungsart
Zeichen aus dem Meer
Zeichen aus dem Meer
海的字的魂魄
- Aus dem Meer
- tauchen Zeichen
-
auf.
- Auf dem Papier
- sind Zeichen die Seele
-
der Welt.
- Legen sich übereinander
- eins übers andere.
- Sieh nur diesen Satz:
- Ich
- will auf
- Zehen ins Meer
-
und aufwachen.
- Auf Zehen ins
- Meer und darin
-
erwachen.
- Sprich leise mit
- dem Kind
- es weiß noch nichts
-
von der Sehnsucht nach Zeichen.
- Aus: Im Meer aufwachen, Drachenhausverlag 2025. Der Kanton Zürich hat Alice Grünfelder für die Übersetzung dieses Gedichtbandes 2025 mit einem Anerkennungsbeitrag Literatur ausgezeichnet (Laudatio).
Wilde Insel
野島
-
Aufzeichnungen an einem Muttertag
- Rost und Ton
- Brack und Verfall
- heiser der Himmel
-
trüb das Licht
- Wir drehen uns immer
- um uns selbst – versinken im Schlamm
- unserer Bedürfnisse wirbeln
- im Glanz unseres Hungers wirbeln
- in den Wellen des Untergangs
-
und die Sterne gehen nieder als Staub
- Die Luft schabt an den Lungen
-
löst uns auf
- Selbst wenn der Monsun
- Bergpfade zerstört und Pflanzen zerdrückt
- wachsen am Morgen mutig neue Sprossen
- selbst auf dem heißen Blechdach einer Fabrik
-
grünt nach dem Regen das Gras
- Nur sie
- können für uns
- Licht schöpfen
-
und Hoffnung
- Aus: Küsten, Hochroth Leipzig 2024
Tsai Wan-Shuen
1978 auf Penghu geboren, einer Insel westlich von Taiwan, studierte Bildende Kunst in Frankreich. Seit 2004 erarbeitet sie mit dem Sound-Artist Yannick Dauby, ihrem Mann, diverse Video-Sound-Installationen. Mit ihren Arbeiten zur Insel Penghu und den indigenen Volksgruppen Hakkas und Atayal wurden sie 2016 zur Sydney Bienale eingeladen. Ihr Werk – seien es Installationen und Videos, sei es in der Lyrik – ist geprägt von der Auseinandersetzung mit dem Meer und der Welt der Inseln.Alice Grünfelder
Schriftstellerin (u.a. Wolken über Taiwan, Jahrhundertsommer), auch Übersetzerin von moderner Literatur aus Tibet und Gedichten aus Taiwan, 2024 erschien bei Hochroth Leipzig z.B. der Band Küsten mit den Meeresgedichten von Tsai Wan-Shuen.Magazin für schönrechnungsart Magazin für schönrechnungsart Magazin für schönrechnungsart
Töchter
Holzpuppe
木頭人
- eins, zwei, drei – steif wie ‘n Stock
- ich spiel mit mir als Kind
-
dieses Spiel
- eins, zwei, drei - steif wie ‘n Stock
- mit meiner Mutter spiel ich das Spiel
-
steif im Bett zu liegen
- Wadi hilft mir, sie zu stützen, aufzurichten
-
hinzulegen, umzudrehen.
- Sprech ich mit ihr
- antwortet sie nicht
-
nickt nicht, schüttelt nicht den Kopf
- ihre Augen bewegen sich noch, sehen mich
- ein, zwei, drei - steif wie ‘n Stock
- das Spiel ist zurück
- ich spiel mir mir als Kind
Lass uns versöhnen
我想和你和好
- Auf halbem Weg meiner Reise
-
ist mein Körper eine einzige Felsenkluft
- Gehe am Meer entlang
-
zerfalle ins Endlose
- Noch vor der schwarzen Wolke
-
will ich am Hafen sein
- - Erwache eben erst wieder zum Leben
-
werde zu Meer
- Mir ist, als könnten sie nicht begreifen
-
was ich ihnen sage
-
- Lass uns versöhnen
- Noch jetzt höre ich die Worte
- die ich dir gestern sagte
-
in der Herberge, zehn Minuten von hier
- sagte, du sollst zu einer Zeile
-
werden in einer alten Schrift
- einer Zeile in einer Schrift
-
aus Orakelzeichen
- zur Entzifferung braucht es keine Zeit –
-
keine knochenhart arbeitenden Archäologen
- Jeden Tag nehme ich dich mit
-
in die Dämmerung meiner Spaziergänge am Meer
- streiche weißen Vögeln
- mit meinen Händen sanft
-
über ihre Schnäbel, ihre Flügel
- Eine neuen Orakelschrift
-
- unsere gemeinsame Aufgabe
- Aus: Ling Yü: 女兒[Töcher], Ink-Press, 2022
Ling Yü
geb. 1952 in Taipei. Hat Chinesische Literatur studiert und arbeitete als Redakteurin für mehrere Literaturzeitschriften. Sie erhielt bedeutende Literaturpreise in Taiwan und im März 2025 den renommierten Paul-Newman-Preis für chinesische Literatur. In ihren neun Gedichtbänden setzt sie sich vorrangig mit der Emanzipation der Frau in einer konfuzianisch geprägten Gesellschaft auseinander, mit den zerstörerischen Auswirkungen der Moderne und hegt eine gewisse Skepsis der Gesellschaft und sogenannten Zivilisation gegenüber.Alice Grünfelder
Schriftstellerin (u.a. Wolken über Taiwan, Jahrhundertsommer), auch Übersetzerin von moderner Literatur aus Tibet und Gedichten aus Taiwan, 2024 erschien bei Hochroth Leipzig z.B. der Band Küsten mit den Meeresgedichten von Tsai Wan-Shuen.Magazin für schönrechnungsart Magazin für schönrechnungsart Magazin für schönrechnungsart
Gedichte schreiben und Boden putzen
Gedichte schreiben und Boden putzen
寫詩和拖地
- Gedichte schreiben und den Boden nass aufwischen – dieselbe Geisteshaltung
- beides ohne Lohn als wertlos erachtet
- drehen pressen bis das Wasser klar ist
- saugen trocknen bohnern
- du kannst Putzmittel nehmen oder auch bloß Wasser.
- Das Wringen des Lappens – eine Frage der Arbeitseinstellung.
- Manchmal denkst du, nun bist du selbst ganz sauber
- oder andere denken, was für ein reinlicher Mensch.
Soll ich Dir von meinem Leben erzählen?
要不要跟你說我的生活
- Soll ich Dir von meinem Leben erzählen?
- Ich tue, als hörte ich nicht den Husten meines Kindes.
- Tue so, als würde ich ein wichtiges Buch lesen.
- Ich weiß nicht, wann ich sterben werde. Deshalb ordne ich die Fotos meines Kindes.
- Es ist nicht, weil ich ein Kind habe, dass ich ständig mit meiner Katze kuscheln möchte. Zu nichts anderem habe ich Lust.
- Nur Lust, tagein tagaus über mein Kind zu jammern, wenn ich einmal länger als zwei Stunden mit ihm zusammen bin.
- An jedem Tag, den ich mit ihm verbringe, lebe ich nicht mein Leben. Deshalb suche ich eine Beschäftigung und danach noch eine.
- Mein Leben: Zeit, die von meinem Sohn verschlungen wird. Zeit ist seine Lieblingsspeise.
- Ich sitze auf einem Stuhl. Sitze mit meiner Katze auf demselben Stuhl. Ihre Tatze krault meinen Hintern. Ich könnte schnurren.
- Sie braucht mehr Platz als ich. Ich sitze nur auf meinem halben Po, und es ist mir recht so.
- Mein Kind ist krank und nicht in der Schule. Ich tue, als hätte ich etwas Dringendes zu tun, schreibe aber bloß Gedichte.
- Diese Gedichte sind keine Meisterwerke, fließen nicht einfach aus mir heraus, sind Schrott. Doch ich tue, als seien es dringende Geschäfte.
-
Willst du mir von Deinem Leben erzählen?
- Aus: Maniniwei: 幫我換樂 [Hilf mir das Glück zu tauschen], Dark Eyes Ltd., 2020. Auf Deutsch bereits erschienen in Alice Grünfelder: Wolken über Taiwan. Rotpunktverlag, 2022
Maniniwei
Malaiisch-taiwanische Autorin und Illustratorin, die im Alter von 18 Jahren nach Taiwan kam. Sie studierte Kunst, mochte die Fachrichtung allerdings nicht. Mit dreißig begann sie, ausschließlich kreativ zu arbeiten, hat seither mehr als 20 Bücher veröffentlicht, Lyrikbände und Kinderbücher, zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u.a. den Bologna Ragazzi Award amazing bookshelf. Sie lebt in Taipei als alleinerziehende Mutter mit ihrem Kind und drei Katzen.Alice Grünfelder
Schriftstellerin (u.a. Wolken über Taiwan, Jahrhundertsommer), auch Übersetzerin von moderner Literatur aus Tibet und Gedichten aus Taiwan, 2024 erschien bei Hochroth Leipzig z.B. der Band Küsten mit den Meeresgedichten von Tsai Wan-Shuen.Magazin für schönrechnungsart Magazin für schönrechnungsart Magazin für schönrechnungsart
Lass den Regen
Lass den Regen
讓雨
- Lass den Mond ein wenig schwitzen
- Lass das tiefe Zirpen der Zikaden die Seiten des Buches auffächern
- Lass Tropfen auf Flüssiges tropfen
- Lass die Wand lass das Tabu
- Lass ihn, den erstarrten Riss,
- der sich bewegt und von selbst heilt
- Lass den einsamen Stift
- Lass die herabfallenden Blätter sich ausbreiten
- Lass uns erinnern an das Aufwallen des Sternenstaubs
- Lass das Ausradieren das Korrigieren lass es liegen
- Spüre es in deinen Fühlern lass es geschehen
- Lass die Saiten der Zither auffliegen die Nacht Wellen schlagen
- Lass die Treppe lass die Tür sich öffnen und schließen lass es rufen
- Eine Kamelie kann kein Paradies sein
- Dein Gesicht ist kein Spiegel
- Lass den Blues zum Fenster herein
-
Lass das Zittern der Flamme lass es sein
- Aus: Chen Yuhong: 之間 [Zhijian / Dazwischen], Hong Feng Publishing, 2011
Wasserschlange
水·蛇
- Noch immer sickert es herein
- ruhig und still ist das Wasser, ohne Harm
- windet sich wie eine Schlange
- schlingelt um deine Füsse
- wie unbestimmtes Licht
- fließt unter der Tür herein
- dringt durch die Fensterritzen
- im blaudämmmernden Morgen
- kein Schloss hält es auf
- ein Schwanz
- windet sich
- der Schwanz einer Schlange
- schlüpft langsam herein und du
-
willst sie nicht sehen nicht erkennen
- wenige Sekunden nur
- sind ein ganzes Leben
- es fliesst über deine Fusssohlen
- überschwemmt dein Herz es ist zu spät.
- Im Platzregen zusehen
- wie es hereinsickert unbestimmt
- das ruhige Licht dieses sich windende Wasser
- 一 wie eine
- Schlange
- friedlich fließt es, absichtslos
- S
- ch
- lan
-
ge
- durch das Fenster
- aus der Seele fließt es
- aus jedem Ritz
-
windet sich, sickert ein.
- Aus: Chen Yuhong: 魅[Mei / Dämonen], Aquarius Publishing, 2007
Chen Yuhong
geboren in Kaohsiung, ist Lyrikerin und Übersetzerin aus dem Englischen - u.a. Wilde Iris von Louise Glück. Bislang hat sie acht Gedichtbände veröffentlicht, ihre Werke wurden u.a. ins Französische, Dänische und Schwedische übersetzt. Zudem erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen für ihre Poesie im In- und Ausland.Alice Grünfelder
Schriftstellerin (u.a. Wolken über Taiwan, Jahrhundertsommer), auch Übersetzerin von moderner Literatur aus Tibet und Gedichten aus Taiwan, 2024 erschien bei Hochroth Leipzig z.B. der Band Küsten mit den Meeresgedichten von Tsai Wan-Shuen.Magazin für schönrechnungsart Magazin für schönrechnungsart Magazin für schönrechnungsart
Lass den Regen
Das Gedicht ist ein kleines Gebet, eine sanfte Selbstbeschwörung, Meditation: «Lass…, lass…, lass…,» beginnt fast jede Zeile. Eine lange Liste ist das von, ja was? - Geboten, etwas nicht zu tun oder genau umgekehrt – Aufforderungen es zu tun? Das Deutsche gibt beiden Deutungen Raum. Lass es bleiben, lass den Mond einfach nur Erdtrabant sein, stör ihn nicht in seiner Umlaufbahn, ignorier ihn einfach! Und dann wiederum das Gegenteil: Lass es Mond werden, erwecke ihn ins Sein - Am ersten Tag, da ward es Mond! Und tatsächlich, glaube ich, ist es eine kleine Schöpfungsgeschichte, die da erzählt wird, ein Ars Poetica-Gedicht übers Poesieschreiben selber: Spreche den Mond ins Sein! Die Hinweise für meine Deutung lese ich auf, wie loses Papier vom Boden: Da sind die Seiten eines Buchs, ist der einsame Stift, sind die herabfallenden Blätter. Da ist die Verheißung: Ein Gedicht schreibt sich selbst, wo nur das Wollen aufgegeben wird, wo das lyrische ich (oder du?) sich dem Moment ergibt, nur noch sitzt und sieht, dem Rascheln lauscht und dem Blues. Lass es Poesie werden, es werde Poesie! Und in dem gar nicht unwahrscheinlichen Fall, dass ich als von Kindheit an mit Christlicher Kultur und der Deutschen Sprache Umgebene mit meinem Ins-Sein-und-Ins-Gedicht-Sprechen komplett daneben liege, und das «Lassen» ist nur im Sinne von «ablassen» gemeint, dann tut doch auch dieses Ablassen etwas sehr Raffiniertes: Bevor nämlich der Vers mir gebietet oder zumindest rät, mich nicht um den schwitzenden Mond zu kümmern, habe ich im Lebtag nicht an den Himmelskörper als einen in Sommernächten schwitzenden gedacht und doch stimmt dieses Bild vollkommen, genau wie auch die anderen ungewöhnlichen Sommernachtkonstellationen und Sternenstäube, die aufgeführt und aufgerührt werden, und ich kann das aufs Flüssige Tropfende, die blätternden Zikaden und die sich öffnende Treppe jetzt erst recht nicht mehr loslassen und vergessen! Und schon hat sich die Schöpfungsgeschichte auf paradoxe Weise wieder eingeschlichen.
Wasserschlange
Schon im lapidaren Titel, dieser einfachen Tierbezeichnung «Wasserschlange» schwingt eine latente Bedrohung mit, wenn man wie ich keine Schlangen mag, jedenfalls, und sich nicht gut genug auskennt, um zu wissen: Ist diese Spezies gefährlich? Ist möglicherweise auch kein echtes, ist ein Symboltier gemeint, ein astrologisches Zeichen, ein spirit animal? Ich weiß so wenig von Chinesischer Kultur… muss mich auf den Text einlassen und versuchen zu verstehen. Schon gleich im zweiten Vers wird mir so etwas wie Ungefährlichkeit versichert «ohne Harm», wenn sich das auch vordergründig erst einmal auf das ins Heim oder Haus hereinsickernde Wasser bezieht, nicht auf eine Schlange, aber gleich im darauffolgenden Vers wird das Wasser bereits mit dem Tier in Verbindung gebracht: Es «windet sich wie eine Schlange» und gleich darauf windet sich tatsächliche eine Schlange durch Fensterritzen und Türspalten in den Text, schlängelt sich dort ganz sichtbar, Schwarz auf Weiß, auf dem Blatt. Der schnurgerade Vers selbst wird zur dreizeiligen Schlange um das Scharnierwort «windet sich», wird Bild.
Beide also, Schlange und Wasser dringen ein in dieses Haus und das lyrische Du will lieber wegsehen, die leise Sintflut, die stille Verwandlung nicht wahrnehmen. Da leuchtet ein drittes Element in dieses rätselhafte Kammerspiel: «das ruhige Licht dieses sich windende Wasser/ - wie eine/ Schlange». Licht also wie Wasser wie Schlange: ein mystisches Wesen, diese Wasserschlange. Ein Wandler ist sie, Shapeshifter, auch: Seelenzustand «aus der Seele fließt es/ aus jedem Ritz». Die Wasserschlange als Wort beginnt sich der Logik zusammengesetzter Nomen (im Deutschen) zu widersetzen, die ja immer eine Bedeutungshierarchie mitschreibt. Eine gewöhnliche Wasserschlange ist eine Schlange, die im Wasser lebt. Bei Chen Yuhongs Wasserschlange verschwimmt diese Eindeutigkeit, sie ist beides zu gleichen Teilen, beides zur gleichen Zeit oder immer im Dazwischen.
Sie ist ein unabwendbares, stilles Ende von etwas und die Ankündigung einer neuen Form. Ein Sterben und ein Neuentstehen. Eine Metamorphose. Zum Ende des Gedichts liegt sie neuerlich wieder als Form, als neues Zeichen zwischen den Zeilen.
Christine Zureich
Geboren in New York, aufgewachsen am Bodensee. Zwischen zwei Sprachen. Nach Stationen in Tübingen, Uppsala, Frankfurt, Saarbrücken, München heute als Autorin, Dozentin, Künstlerin wieder in Konstanz, noch immer mit Worten spielend. Mitunter Lyrik vermöbelnd.
Magazin für schönrechnungsart Magazin für schönrechnungsart Magazin für schönrechnungsart
In Forest Lins Gedichten entwachsen Menschen wie Pflanzen ihren inneren Konflikten. «Teilbetrachtung» widmet sich der sorgfältigen Beobachtung einer Menstruation. Die Stimme des Gedichtes erzählt uns, welche körperlichen und seelischen Prozesse die Monatsblutung in ihr auslöst. Der menstruierende Körper wird ungeschönt sichtbar gemacht – «die Gebärmutter bläht sich auf», «der Bauch ist eine einzige offene Wunde» –, doch die sprechende Figur nimmt ihren Körper an: «So ist das Leben.» Forest Lin hält der Stigmatisierung des Zyklus als unästhetisch oder gar unrein eine liebevolle Betrachtungsweise entgegen, die auch dessen Schönheit sieht. Im menstruierenden Körper öffnet sich eine Blüte; das Blut, das die Beine hinunterrinnt, gleicht Blattadern oder einer Kette von Rosenblüten.
Die Periode löst jedoch auch bedrückende Gefühle aus. Von anderen Menschen kann die betroffene Person keine Unterstützung erwarten, sondern vor allem Tadel und die Ermahnung zu Gehorsam. Doch sie findet Kraft in sich selbst. Das Lachen kann ihr niemand nehmen. Der unter Schmerzen abfließende Blutstrom macht dem kristallklaren Wasser der Freiheit Platz.
Starke Gefühle kommen auch in «Moos», Forest Lins zweitem Gedicht, zur Sprache. Das lyrische Ich quält sich ob der von ihm empfundenen Unvereinbarkeit von Liebe und Freiheit. Es hat einen Schutzwall in seinem Herzen errichtet. Wieder ist es eine Pflanze, die diesen inneren Konflikt erlebbar macht. Das Selbst des Gedichtes sprießt «wie tot aus der zertrampelten Erde» und droht an der scheinbar unumgänglichen Entscheidung für einen der beiden Pole zu zerbrechen. Doch es hat das Herz eines Bastards – es wird sich den unverrückbar wirkenden Grenzen und Normen nicht beugen. Wie Moos zeigt es sich resilient gegen die Tritte des Schicksals; die Kraft der Triebe ist ungebrochen. Das Gedicht endet in einer zarten Morgenstimmung zu Chopin-Musik, die eine versöhnliche Auflösung der Situation verspricht.
Die Figuren beider Texte erzählen von der Rückbesinnung auf ihre widerständige Natur, die sich gegen äußere Konventionen behauptet und die eigene Zerrissenheit überwindet. Sie erzählen uns von der Möglichkeit, die Schönheit in schmerzvollen Erfahrungen zu sehen. Darin liegt vielleicht die größte Hoffnung, die uns diese Gedichte mitgeben können.