short message ohne service

Walter L. Buder
18. Juni 2024
  • mein gefährt ist ungewiss
  • blossfüssig auf rasierklingen
  • über grenzen, eingeritzt
  • ein name blutverkrustet
  • mein pass: die wunde, unverbunden
  • aufgebrochen
  • bin ich du, mein ticket, nicht
  • zu entziffern, ein nummernloses konto
  • oder ein schwarzer schlagstock
  • ist mein drittes standbein
  • ausgelutscht und angespuckt: ankomme
  • ankomme
  • bald
geb. 1948. vater, ehemann. zuerst fabrik- und später pastoralarbeiter. jetzt pensionist. lese- und schreibarbeiter immer schon. 3 gedichtbücher.

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Träum was Schönes

Miro Pavicic
11. Juni 2024
  • Träum was Schönes. Von sieben silbernen Seilbahnen. Sechs Süchtigen auf der Suche nach Sahnebonbons und siebzig Schafen singend an einem See. Von Seifenblasen, Saftschorlen, Süssigkeiten und frühen Samstagabenden im Sommer.

  • Träum was Schönes. Vielleicht von Veilchen, vielen Vögeln, von Vegetation und veganen Vegtables. Von Vampiren aus Videoaufnahmen. Von Vergessen und Vergeben, von Verlosungen und Verlobungen.

  • Träum was Schönes. Von Hunden und Hexen, von Heidelbeeren und Heu, von Hitzewellen und Himbeereis. Hervorragenden Häusern, Hirsebrei und Heizungen. Himmel, Horrorfilmen und Heimat. Und von Herzensangelegenheiten, natürlich.

Schüler, 17 Jahre jung, sprunghaft und Poet. Am liebsten schreibt er normalerweise auf Englisch, in der Bahn und immer inspiriert vom Alltag.

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wir bleiben wunden bis wir überwunden werden

Martin Piekar
14. Mai 2024
  • seit 5:31:59 uhr liege ich wach & google mich

  • & wer mich anklickt das bin ich nicht

  • noch du, noch persönlich

  • brennt der search-button, verrät

  • dass ich um 08:13:29 uhr nach mir suche

  • aber kann es 08:13:29 uhr sein

  • für einen tee, für ein liebesgedicht, für eine handvoll asche

  • ich bin wunde aus wunden ausgebrochen

  • im index des lebens kommt niemand zu spät

  • & doch habe ich immer das gefühl, google

  • ich wäre nie rechtzeitig aufgeweckt

  • verstehst du, bildschirme & leichen sind spiegel

  • du kriegst die vergangenheit nicht aus den körpern

  • begriffen als ich in dir gesucht hab

  • wie in einem leichnam, verstehst du, google?

  • ich frage leichname nie, ob ich pünktlich bin

  • aber ich weiß, dass wir nicht wissen, was noch kommt

  • ich kriege vielleicht brot, eine leidenschaft & die vergangenheit

  • der zukunft, sie beginnt um 08:13:31 uhr

  • wir sind alle wunden auf dem weg nach hause

Dieses Gedicht erschien ursprünglich im Gedichtband «livestream & leichen» von Martin Piekar.

geb. 1990, studierte Philosophie und Geschichte auf Lehramt, arbeitet Lyriker, Literaturvermittler und Lehrer. Sein dritter Gedichtband «livestream & leichen» erschien 2023 im Verlagshaus Berlin. Er lebt von Frankfurt am Main aus, hört viel Musik und denkt über das Gesagte nach, erstmal egal, von wem es gesagt wurde.

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dass auf der zunge das wort kraft

Tanja Schwarz
7. Mai 2024
  • dass mein ganzes glück am morgen
  • eine blaue tasse mit meinem namen
  • und kaffee, mein ganzes glück
  • während draussen die welt
  • sich weiterdrehte und
  • jede minute eine art
  • für immer verschwand

  • dass in dieser kleinen halbkugel
  • auf der mein haar ausdünnt
  • die wörter wohnen und nicht
  • herauskommen

  • dass es mich schüttelt vor –

  • dass mein kopf so schwer
  • dass ein dutzend kräftiger männer
  • ihn nicht hochheben könnten

  • dass die natur immer noch so tut
  • wie wenn nichts wäre
  • dass alles schön wird
  • wenn man es nur lange genug anschaut

  • darin liegt die erkenntnis
  • und schläft

  • dass auf der zunge das wort sehnsucht
  • ich meine: sich die brust aufreissen wie
  • ein falke der seine jungen füttert

  • dass dein gesicht ein gestrüpp
  • wo jedes du ein ast ist
  • an dem ich hänge

  • dass auf der zunge das wort leicht
  • dass ich so schnell einschlafe wie
  • ein stein ins wasser fällt

  • vielleicht, dass ein pferd noch kommt
  • und uns wegträgt
  • vielleicht, dass ein bart uns entstellt
  • oder der himmel sich schliesst und
  • wir ein haus bauen

  • dass alles was tut als
  • hätten wir es verloren
  • sich heimlich sammelt und
  • ordnet zu einem zimmer

  • du denk mit mir

  • vielleicht, dass ein satz
  • noch zurückkehrt
  • in den mund
  • lass ihn offen

  • dass auf der zunge das wort kraft

  • dass mein ganzes glück am morgen
  • eine blaue tasse mit meinem namen
  • und kaffee, mein ganzes glück
  • während draussen die welt
  • sich weiterdrehte und
  • jede minute eine art
  • für immer verschwand
geb. 1987, arbeitet schreibend und zeichnend an den Schnittstellen von Philosophie, Literatur und (Lebens)Kunst. Sie würde gerne verstehen, was es bedeutet, hier zu sein und ich zu sagen. Sie hat eine Kunstschule absolviert und es kommt, was in ihr ist, nicht heraus. Sie lebt ihn Biel.

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Monstera

Sarah Altenaichinger
30. April 2024
  • Wie en Hund lueg ich us em Fänschter
  • gseh öppis
  • es bewegt sich
  • Wie es Backbläch ligg ich uf em Tisch
  • mach Ängelbewegige
  • und rühr bar Stifte und Bächer an Bode
  • Amigs bin ich es Ding
  • wo nüt dänkt und nüt wött
  • meischtens isch es mir
  • zmüesam en Mensch zsi
  • Denn suech ich mir
  • en guete Ort in dr Wohnig
  • und verwandle mich
  • in e Monstera
  • als Usglich
geb. 1997 in Basel. Nennt seit 2012 Spoken Word-Bühnen ihr zweites Zuhause. Daneben gibt sie Schreibworkshops, publiziert Texte und veranstaltet Lesebühnen. 2021 erschien ihr Lyrikband «Schalengespräche». Im Nebenjob absolvierte sie den Master der deutschen Literaturwissenschaft in Bern, wo sie auch wohnt.

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klarkommen

Nadia Guddelmoni
23. April 2024
  • trübsal, türspalt
  • bett aus anemonen
  • moan, zusammen lichtkegeln,
  • come, spass auf den knien
  • ein hauch von haut, stossgebet.
  • leck mir was süsses von der stirn,
  • damit ich die trauer-trousers
  • ausziehen kann.
geb. 1999. Manchmal als Nadia Cannelloni anzutreffen, schickt sich selbst Gedichte auf Signal und schreibt Kurzgeschichten, die gelegentlich bei Literaturzeitschriften erscheinen. Sie ist Buchhändlerin, spricht und spinnt bei Lesefeld, studiert Literaturwissenschaft und arbeitet als Redaktionsmitglied bei Denkbilder.

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Geheimnis

Larissa Waibel
22. September 2023
  • Es gab eine Zeit
  • da musste mein Geheimnis
  • um jeden Preis sicher
  • bewahrt werden
  • vor gierigen Augen
  • und druckerschwarzen Fingern
  • und spöttisch lachenden Kehlköpfen

  • einmal klopfte es
  • klopfklopfklopf
  • wer ist da: keine Antwort
  • man hustete vor meiner Tür
  • und es klopfte noch einmal
  • klopfklopfklopf

  • ich sagte: ich komme
  • gleich und liess Wasser laufen:
  • Tarngeräusche

  • und suchte
  • all das Papier zusammen
  • Verbrennen würde Asche hinterlassen
  • dachte ich
  • und begann
  • zu essen, hinunterzuschlingen
  • zu schlucken, ohne zu kauen

  • und mit vollem Mund wiederholte ich:
  • ich komme gleich ich wischte
  • mir mit dem Ärmel meines Pullovers den Mund ab
  • dann öffnete ich
  • mit einem Magen voller Worte
  • die Tür

  • ja, bitte?
Geboren 1996 in Winterthur, hat Deutsche Literaturwissenschaft, Literaturvermittlung und Anglistik an der Universität Zürich studiert und war drei Jahre lang Co-Redaktionsleiterin der Literaturzeitschrift „Denkbilder“. Sie lebt und arbeitet als Lektorin in Zürich.

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mirabellenlieder

Franziska Witschi
19. September 2023
  • auf der ebene liegt flanell
  • die erste sonne greift danach
  • fasane zerhacken die luft

  • kindgewordener morgen
  • malt pastell ans vordach

  • der leuchtturm fällt in tiefen schlaf
  • versäumnisse verebben
  • mirabellenlieder hallen nach
Arbeit als Autorin und Biologin, Inhaberin von Büro Witschi. Diverse Lyrik- und Prosaprojekte, Vertiefung in Nature Writing. Publikation von Essays zu Spinnen, Käfern, Pilzen. Bildungsgang Literarisches Schreiben, EB Zürich. 2018 Finalistin TREIBHAUS-Wettbewerb, 2023 Schreibstipendium Kanton Bern.

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geizige kinder auf amphetamin & weitere bestandsaufnahmen

Julia Rüegger
15. September 2023
  • das klicken einer schabe die an die decke knallt

  • drohungen die mich eher zufällig erreichen

  • im hotel california ohne es zu wissen

  • zu viel abendland verdächtig
  • zu viel telepathie

  • verlege bleistift verliere wimpern
  • kenne den umfang meiner wohnung nicht

  • aber witterung

  • ein echo das nicht mehr zurückzuführen ist

  • versuch eine häutung in echtzeit zu protokollieren

  • im stundenzimmer für gespenster

  • oder dreihundertsechzehn arten wund zu sein

  • treibgut das ich auflese
  • als handgepäck

Die Zeile «zu viel abendland verdächtig» ist in leicht abgewandelter Form dem Gedicht Fußnote zu Rom von Günter Eich entnommen.

studierte Literarisches Schreiben, Theater und Philosophie in Hildesheim sowie am Literaturinstitut in Biel. Sie schreibt Gedichte, Essays und Prosa und kuratiert die Lesungen im Basler Offspace «wabe». Ihr Lyrikdebüt «einsamkeit ist eine ortsbezeichnung» (Schiler & Mücke) erschien diesen Sommer.

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die betäubung erfolgt durch insekten

Frieda von Meding
12. September 2023
  • leben, die wie krokusse wachsen
  • eine zierpflanze, andere safran
  • manche nur zum scheinkrokus oder zeitlosengewächs
  • sind sie ausdauerndes knollenkraut
  • glatt der blattrand
  • um den mittelnerv
  • stehen die blüten einzeln
  • oder zu vielen
  • erwachen im frühjahr oder herbst
  • gelb, weiss, hell-violett
  • zwittrig, symmetrisch und dreizählig
  • im boden ihr fruchtknoten
geb. 1994, träumte früher von Paris und bleibt heute lieber in Biel, ihre Texte sind kurz und «nichts als die Wahrheit»

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während das flachland explodiert

Daria Wild
8. September 2023
  • während das flachland explodiert
  • – räusper –
  • stetiges rauschen, knirschen, gleissendes licht
  • eis, matt von der sonne
  • wind, der sanft um die häuser bricht
  • fragt einer: hämmern wir nägel in die wand
  • ein anderer: where are the rough sides of reality here

  • die zeit hängt schon lange nicht mehr, sage ich
  • der hölzerne klappstuhl biegt sich gefährlich
  • unter meinem gewicht
  • der winter stirbt einen würdelosen tod

  • and what about the water
ist Autorin und Journalistin, schreibt Prosa, Lyrik und Reportagen.

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das geilste

Pul Müller
5. September 2023
  • fanny pack vibriert
  • wenn du mir jetzt schreibst
  • um die hüfte geschnallt
  • lässt die vibration, die du auslöst
  • mein fudi, in kleinen wellen wabbeln
  • ich tu so, als würd’ ich nicht merken
  • dass du an mich denkst
  • dabei spür’ ich den wellen bis zum ende nach
  • du schickst mir fotos, von wo du bist
  • und das geilste ist
  • dass ich echt lange so tun kann
  • als würde es mich nicht interessieren
wurde 2000 geboren und lebt seit immer in Basel. They badet in popkulturellen Strömungen, bewegt sich im Theater zwischen Bühne, Publikumssaal und Assistenzstellen. Ab dem kommenden Semester studiert they Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel.

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inseln der nacht

Nicole Prosser
25. August 2023
  • inseln der nacht
  • bewohnt deine zartheit.
  • am morgen:
  • der sprung ins wasser.
geb. 1994 in Graz. Veröffentlicht Gedichte in Anthologien und Literaturzeitschriften. 2022 Finalistin beim zeilen.lauf-Lyrikwettbewerb. Arbeitet als OeAD-Lektorin für Germanistik an der Universität Prešov in der Slowakei.

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Palästina. Drei Impressionen.

Rudolf Bussmann
22. August 2023

Die Dreisternestadt

  • In weichen Sneakers treppauf
  • Bis zur Höhe des Turms und höher
  • Trepp trepp
  • Zur Aussicht aufs Meer
  • Hingewölbt in die Trümmer ein Bogen
  • Zum zikadenstillen Hof wo die Männer

  • Das Brettspiel beiseite legten
  • Als ich geboren wurde das Kleinvieh
  • Zusammentrieben die Frauen
  • Für mehrere Tage
  • Brot buken zur Flucht vor den
  • Flüchtenden aus Europa

  • Zitadellenhohes Wehweiss treppauf
  • Ausgekernt und neu gemauert
  • Galerientauglich souvenirfrisch halb
  • Museum halb Friedhof
  • Dreisternverwöhnt der Andromedafelsen
  • Unten von den Wellen umschäumt

  • Der Strand mit seiner Nabelschnur aus Gischt
  • Schwingt sich hinüber zur grossen Schwesterstadt
  • Den Türmen von Banken und Konzernen
  • Am Himmel die sinkende Sonne
  • Gross wie eine Orange
  • Jaffa juce of health

  • Geflohene Zeit hingewölbt
  • Zu dem Schulhof wo ich
  • Meine erste Frucht schälte
  • Nahezu kernlos auf dem Seidenpapier
  • Der Name der Dreisternestadt
  • Und süss die Tropfen an den Fingerbeeren

  • In der Hand den Dreisterneführer
  • Gehe ich dem Schatten nach
  • Sneakers mit Selfiestopautomatik trepp
  • Trepp mit Petrus die Christin Tabita
  • Zum Leben erwecken im Haus von Simon
  • Dem Gerber (heute eine Moschee siehe Plan)

  • Entginsterte Mauern wehweiss
  • Trepp
  • Süss die Lippen damals rot vom Saft
  • Der in der Pause über sie rann
  • Zur Zeit als die Bewohner
  • Weitere Tipps unter Reisen und Geniessen.

Exkursion

  • Folge den Strassen bis zur Schranke. Zum Lauf der Hand-
  • Feuerwaffen. Merke dir Kategorie, Kaliber, Kadenz.

  • Zähle die Mauern, zähle die Zäune, zähle
  • Die Gräben, die Wälle. Ort, Datum, Jahr.

  • Lege das Ohr auf die Erde. Frage das Gras, wann es Zeit ist
  • Für Rache. Wiederhole die Frage. Warte auf Antwort.

  • Geh zu den Gräbern, mische dich unter die Toten. Lies
  • Wie sie wurden zu Stein: Geschlecht, Alter, Art des Todes.

  • Schalte im Zimmer das Radio ein, lausche den Reden, den Schwüren
  • Beim Bart von. Anrede, Amt, Wohnsitz.

  • Stopfe deine Pfeife mit Hingabe. Rauche. Klopfe sie aus
  • In deine Hand. Zähle, was bleibt.

Justierung

  • Die Schatten wissen nicht, zu was
  • Sie gehören, das Dunkel hat den Besitz
  • Neu verteilt. Du hörst deinen Atem
  • Nach dir rufen. Im Traum

  • Gibst du ihm Antwort in Babylons Sprache
  • Als ein Vogel. Die Dämmerung nimmt dir
  • Die Federn vom Leib, legt auf die Schwelle
  • Einen Wind, einen Wunsch, ein Stück Helle

  • Du stehst nackt an der Tür, zögerst
  • Den Moment hinaus
  • Wo Hose und Hemd dir sagen
  • Wer du bist.

Auf nächsten Frühling ist ein neuer Lyrikband mit Impressionen aus Israel und Palästina geplant.

geb. 1947 in Olten, studierte Germanistik und Romanistik in Basel und Paris. Er publiziert Lyrik, Kurzprosa und Romane. Daneben betätigt er sich als Redaktor und Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Homepage führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Zuletzt: «Ungerufen. Gedichte.» (Edition Bücherlese, 2019) und «Herbst in Nordkorea. Annäherung an ein verschlossenes Land. Reise-Essay.» (Rotpunkt, 2021).

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über den Rand segeln

Gina Bucher
18. August 2023
  • Mit der frühesten Verbindung
  • segle ich über den Rand
  • und schaue von unten
  • wie es sich entwickelt
  • das Wasser im Osten
  • das Feuer im Nordwesten
  • und die Gesetze für morgen
geb. 1978. Lebt und arbeitet in Zürich. Zuletzt «Ich trug das grüne Kleid, der Rest war Schicksal» (Piper 2016) und «Der Fehler, der mein Leben veränderte» (Piper 2018). Unterrichtet an der F+F Zürich, Schreibtrainerin am Jungen Literaturlabor JULL und Redaktionsmitglied der essais agités, Edition zu Fragen der Zeit.

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ewig rauscht II

Annett Jaensch
11. August 2023
  • küste, unbehauener saum zur sehnsucht
  • über die gischt schiebe ich erinnerungen
  • richtung horizont
  • perlmuttern ist mir zumute
  • wohin mit all dem treibgut, kopf
  • im geröll die zeit knietief
  • versunken bis der sturm
  • meinen namen flüstert
  • zwischen zwei sandkörner
  • das letzte licht
  • des tages
  • fällt
geb. 1970, Sprachdozentin und Journalistin, Schwerpunkt zeitgenössischer Tanz, lebt in Berlin.

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Feuerfest

Jürgen de Bassmann
4. August 2023
  • Die Flammen brannten durch bis auf den Knochen.
  • Arme, angekohlt in blütenweißen Binden:
  • Wie die feingenarbten Rinden
  • abgeschmückter Maibaumbirken.
  • Pass bitte auf. Er sagt, sie sind gebrochen.
  • Unter Mullkompressen schmort die Haut
  • in marmorierten Schwarten, wie zerhackt.
  • Der Wulst der Lippen hart verbacken.
  • Wenn ich ihn drück‘, hör hin: Es knackt.
  • Der Harnstoff und die Glycerine wirken.

  • Die Erdbeer-Bläschen — wie sie leise kochen
  • wenn die letzten Zellmembrane knisternd platzen.
  • Jucken steigt aus den Matratzen,
  • denn ich soll im Liegen leiden.
  • Mach kurz und schnell. Du hast es mir versprochen.
  • Diese Hitze klebt und tropft nicht ab.
  • Von Epidermis hebt sich heller Flaum
  • aus frischgestärkten Festtagsspitzen.
  • Geh ganz nah ran, man sieht ihn kaum.
  • Dabei bin ich der ält’re von uns beiden.

  • Die wahren Schmerzen kommen erst nach Wochen.
  • Wenn aus feingeblümten Kaffeenachmittagen
  • plötzlich Dämmerschatten schlagen,
  • dröhnend von den Wänden hallen.
  • Ich hab es nicht geseh’n und nicht gerochen.
  • Funken, ein Kanister Aceton,
  • das Blaulicht zuckt. Es war die Ungeduld.
  • Dann Trümmerschlaf der Opiate.
  • Ich weiß doch, es ist meine Schuld.
  • Geh weg, wenn bald die Schatten auf mich fallen.
geb. 1964, Ausbildung zum Sortimentsbuchhändler, danach journalistische Tätigkeit und Konzeptionstexter, heute im Finanzmarketing. Schreibt Gedichte und Storys.

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manchmal

D Schmidt
20. Juni 2023
  • Mir fehlen die Worte
  • manchmal
  • wenn es mir die Sprache verschlägt
  • dann rede ich fremde Sätze lauthals ins Leere
  • damit sich die Tür wieder öffnet
  • die mich abgewiesen hat
  • und ich Gedanken finde
  • die in mir eingeschlossen sind
  • damit ich etwas sagen kann
  • und es nicht mehr so weh tut
  • weil Worte fehlen
  • manchmal
  • wenn die Sprache wegbleibt vor lauter Gerede
  • und überhört wird, was unsagbar ist
  • weil es einfach wortlos da ist
  • manchmal
  • wenn das Schweigen lauthals Antworten verspricht
  • und das Versprechen es bricht
  • weil es nicht versteht
  • was es glauben will
  • wenn Ideen ungefragt entstehen
  • manchmal
  • wenn der Stille die Stimme versagt
  • sich schreiend festhält
  • was nicht gefällt
  • wenn der Kopf sich ahnungsvoll entspinnt
  • und die Träume wortreich von Sinnen sind
  • manchmal
  • hat die Welt mich verschluckt
geb. 1972, hat Kulturwissenschaft studiert, lebt in Berlin und hat bereits mehrere Märchen, Gedichte, Grafiken, Kinder- und Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht.

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ohne warnschild

Christa Issinger
9. Juni 2023
  • es fällt mir schwer zu sagen
  • dass ich zusah
  • wie deine sehnsucht starb

  • man trifft sie
  • an den wegbiegungen
  • eines anderen himmels

  • in den stunden deiner zweifel
  • werde ich für dich atmen
  • schrie ich

  • doch meine stimme hallte
  • durch eine unsichtbare zeit
geb. 1963 in Brixen (Südtirol), Preisträgerin 2014 und 2022 des Hildesheimer Lyrikwettbewerbes. Veröffentlichung in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften. Zuletzt «Die Liebe ist nicht rot» (Literaturverlag Hans Spicka, 2012).

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(ohne Titel)

Marcel Lewandowsky
2. Juni 2023
  • für Schwartz

Heute ist 1 Tag an dem ist der

Mund voller schwerer Sterne Sie

purzeln von der Lippe & kollidie-

ren vor der Brust Jetzt ist im Zim-

mer 1 Kugelsternhaufen & erst

nach sieben Milliarden Jahren

erreicht sein Licht dein Troglodyten-

auge

geb. 1982 in Köln ist Politikwissenschaftler und Autor. Er forscht und lehrt zu Demokratie und Populismus und hat Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht.

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