Folgende Bedeutung

Clemens Umbricht
31. Januar 2023
  • Sein Lieblingswort ist das Gegenteil,
  • das sich im richtigen Augenblick in Luft auflöst.
  • Metaphysik, ruft er, ist die falsche Richtung –
  • oder waren die Möglichkeiten, die ein Ich ergeben,
  • schon immer diese ausgestopften Singvögel?
  • Um herauszufinden, was die Gedanken
  • miteinander verbindet, trägt er ein paar Hüte zuviel.
  • Wenn er auf der Suche nach nichts ist,
  • erwartet er einen angemessenen Finderlohn.
  • Vom Etwas, ruft er, habe ich die Ahnung
  • des Kochs von der Zwiebel der Vorstellung.
  • Zugegeben, wer dem aktuellen Fragenkatalog folgt,
  • tut das mit von Luft verbundenen Augen.
  • Bis zur Schwerelosigkeit des Konjunktivs
  • zähle ich in die Wochenmitte zurück.
  • Sprich mit mir, solange die Landschaft
  • als spontane Erscheinung vorbeizieht.
  • Nein, ich bin nicht die Zusammenfassung,
  • für Einzelheiten haben wir Gedichte.
  • Ich sammle nur Aufmerksamkeiten.
  • Wäre ich eine Sekunde, so gäbe es mich
  • von Anfang an als Kollektion.
geb. 1960 in Reiden Luzern, wohnt in Andwil St.Gallen und arbeitet als Verlagsleiter in Teufen Appenzell Ausserrhoden. Seit 1980 Publikation mehrerer Gedichtbände. Zuletzt «Das Alphabet des Archaeopteryx» (2022, Caracol).

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der rauch

Michael Georg Bregel
24. Januar 2023
  • der rauch
  • von dem du hoffst
  • dass er aufsteigt
  • gesehen wird
  • wie er in
  • schieferschwaden
  • am nachthimmel
  • den neumond
  • erstickt
  • hängt in der
  • kleidung der
  • lunge brennt
  • in den augen
  • und doch
  • nimmst du
  • noch einmal
  • den feuchten zunder
  • die stöckchen
  • und reibst
  • dich an der
  • möglichkeit
geb. 1971, lebt in Berlin, ist gelernter Rundfunkjournalist, war Tageszeitungsredakteur, ist Diplom-Politologe und seit 2005 freiberuflich als Autor, Übersetzer, Redakteur und bildender Künstler tätig. Neben Herausgaben und zahlreichen Beiträgen in Anthologien und Zeitschriften erschienen von ihm als Einzelveröffentlichungen eine Erzählung, eine Graphic Novel und drei Lyrikbände.

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min o taf re

Diana Mathioudakis
20. Januar 2023
  • du stiergestalt
  • entsprungen wilder laune jener frau

  • es fragen alte mären

  • der vielgeborne zefs
  • mäht all/es

  • brach der willenshuf

  • glatt bleibt dein kopf
  • glanz stets dein hals
geb. 1967 in Stuttgart, Kind einer Schwäbin und eines Kreters. Ärztin, lebt zwischen der Schweiz und Deutschland.

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quellfragen

Benedikt Steiner
17. Januar 2023
  • wie nun der strahl
  • sich staut
  • & zittert
  • vor lauter sehen
  • die augen weit

  • bis ins nachtgebirge
  • vorgedrungen, dort
  • not
  • geschöpft aus zisternen

  • unter dem flussbett
  • längst silberstrom

  • wie nun der strahl
  • die kelle höhlt
  • der rute folgend
  • wünsche am laufmeter
  • verwunschen überwindet

  • der flut gerecht
  • der ebbe gleich
  • geworden
  • dringliche lust der stelle
  • gefunden im bleib

  • das rot rot
  • rot das tal
  • umschließend, stetes
  • gefälle
  • im taumel
  • um sich greift
geb. 1990 in Basel, lebt als Dichter und bildender Künstler in Wien. Hat experimentelles Entwerfen in Luzern und Sprachkunst in Wien studiert. Schreibt Lyrik, macht Bücher und Bilder, initiiert Workshops und Performances. Anfang 23 erscheint sein Lyrik-Debüt «spuren in einem» (TEXT/RAHMEN, Wien).

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signale

Joanna Lisiak
13. Januar 2023
  • es ist als hätten mich
  • die flanierenden schnecken
  • geweckt sie machen heute
  • den garten zu ihrem park
  • tragen zur feier der taulage
  • ihre fühler stolz wie kronen
  • und deuten auf meine radare
  • in der wahrnehmung
  • der schwebenden tropfen selten
  • lieber eingezogen oder rostend
  • an den enden knicken sie
  • gelegentlich in eine falsche richtung
  • mit baumwollschonern
  • gegen den verdächtigen lärm
  • wenn sie sich vor lauter signalen
  • um 360 drehen und zurück
  • zwirbeln bis sich alles spannt
geb. 1971 in Polen, 1981 kam sie in die Schweiz, wo sie seither lebt. Seit 2000 sind 29 eigenständige Bücher von ihr erschienen. Ihr Werk umfasst Lyrik, Kurz- und Kürzestprosa, Theaterstücke und Dramolette, Hörspiele, Essays.

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Ein

Jakob Leiner
10. Januar 2023
  • samstag abend
  • ich führe bewegungen aus
  • manche geschmeidiger als sonstige
  • und habe mich eben verschluckt
  • an der gier nach kühlem wasser
  • aus plastikflaschen
  • wir haben doch alle keinerlei plan
  • raunt mir chinowski ins ohr
  • und das macht er gut wenigstens das
  • denn
  • es reicht nicht im mondlicht zu ersaufen
  • nacht bleibt nacht
  • die ahnungslosigkeit ubiquitär
  • und hinter der nächsten pissecke
  • lauert mein ich von voriger woche
  • selbst wert fremd bestimmt
  • however
  • wenn du die menschen schon nicht lieben kannst
  • röchelt hank die kippe im gesicht
  • begegne ihnen mit freundlichem interesse
  • dafür werden sie dich hassen
Jahrgang 1992, lebt und arbeitet als schreibender Arzt in Freiburg im Breisgau. Studium der Humanmedizin. Ab 2016 zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften, Anthologien. Zuletzt «Gewetter» (2022, Quintus).

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medusa cryin' out for help

blumenleere
3. Januar 2023
  • “Individuals are never autonomous:
  • they depend on external recognition.”
  • Sylvere Lotringer in Autonomia – Post-Political Politics

  • so beute dich aus umschlinge deine leere
  • ur cave ur home ur sad song about debris
  • & eine aneinanderreihung hohler phrasen
  • lehrt dich hinweg zu sehen ueber motives
  • to act in certain ways ja unsere sehnsucht
  • nach autonomie bedarf sie nicht etwa oft
  • als gedicht der schlange vor der haeutung
  • dringend eines publikumes halt wie every
  • single move tends to exist only as long as
  • someone is watching zwischen aufenthalt
  • wahrscheinlichkeit & quantenmechanisch
  • interpretierten klaerungsansaetzen liegen
  • die spiele im verborgenen einer darkness
  • that cannot be brightened greifst du bald
  • zu & kriegst nichts zu fassen keine worte
  • die sinn machten blosz rekombinationen
  • abgeschmackter entwuerfe eben solcher
  • anarchistisch angehauchter visionen dass
  • jedwede verfolgung via staat & apparate
  • sich reduzieren liesze auf eine alte farce
  • deren lachen neben einem hals erstickte
  • tragically lost behind human conditions
  • u search for this world’s last true smiles
  • & entdeckst du nur noch grosze spiegel
  • mutierst du zu poroesen felsbestaenden
  • rolling tumbling dreaming & screaming
  • initiatin’ avalanches fuer die revolution
ein offenes autopoietisches system, bezeichnet den – da unablaessigen schwankungen unterliegend – nicht naeher lokalisier- oder definierbaren, durch die zeit wandernden, kreativen schaffens-spiel=raum der persona blumenleere.

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Es ist

Erica Engeler
30. Dezember 2022
  • Er sagt, viel Zeit ist vergangen.
  • Sie schweigt. Er sagt, wir waren
  • zu jung und unerfahren.
  • Sie sagt, man ist immer
  • zu jung oder zu alt.
  • Das Schweigen setzt
  • sich still dazwischen
  • und findet keinen
  • versöhnlichen
  • Schlusssatz.
geb. 1949 in Ruiz de Montoya in Argentinien. Wohnt und schreibt in St. Gallen. Seit 1985 Veröffentlichung von Romanen, Erzählungen und Gedichten. Zudem Übersetzungen aus dem Spanischen (Alfonsina Storni, Ernesto Sabato, Roberto Arlt). Zuletzt: «Wie Drachenfliegen am Meer» (2021, Caracol).

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SDÄMMERT

Lisa Spalt
27. Dezember 2022
  • Letzten Geburtstag schenkte mir jemand

  • eine Opuntia consolea,

  • um mit Stacheln

  • wider mich zu sticheln. Ich
  • behielt die Pflanze wohl über ein Jahr,
  • in dem naturgemäß, wie mir schien,
  • in der Welt alles schiefging.
  • Doch schalt mich heute Morgen deswegen
  • – ausgerechnet! –
  • ein Vögelein:
  • Es ist Morgen, wach auf,

  • geh und schäl den Kaktus!
  • Ists ein Traum?
  • Ich schälte den Kaktus
  • mit dem Stanleymesser
  • und fraß ihn auf. Schmeckt
  • nach Gurke, bin erstaunt.
Mitarbeiterin des Instituts für poetische Alltagsverbesserung (I.P.A.), Betreuerin der Wandlungsform «Manisoft des Psittacismus». Viele Gemeinschaftsarbeiten, zuletzt mit dem Künstler Otto Saxinger und der Band «Die Ex-Gewichtsheberin» («Auf der Welle von Frau Stöhr. Fiktives Hörspiel», 2022). Zuletzt: «Das Institut» (2019, Czernin).

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Streichholz

Sascha Garzetti
23. Dezember 2022
  • November 1826, Stockton-on-Tees, Nordostengland,
  • und John Walkers Rührstab brennt,
  • er merkt es erst, als die Zeitung
  • wie von selbst erzählt,
  • dann das Haar des Kastorhuts
  • schon Feuer fängt.

  • Man kennt es von den Katzen,
  • dass sie ihre Köpfe
  • an der unverputzten Hauswand reiben,
  • dabei schnurren, fortan
  • den Klang wie von einem aprikosengroßen
  • Drehmotor im Kehlkopf tragen.

  • Doch springt vom Kopf des Tieres
  • nichts wie dieses Flämmchen
  • hier vom körnigen, roten Scheitel
  • des Zündkopfs über
  • auf die Lokalnachrichten
  • und den Biberfilz.

  • Und nichts nimmt den Köpfchen ihr Verlangen
  • zu entflammen im Windschatten
  • einer hohlen Hand,
  • Anfang oder Ende einer Geschichte zu sein,
  • denkt Walker und notiert es
  • zwanzig Jahre später.

  • Er notiert es an den Rand jener Zeilen,
  • in denen der Schnee zwischen
  • zwei Kopenhagener Häusern nicht aufhört,
  • auf die abgebrannten Hölzer, auf das Haar, die nackten Füße
  • eines Mädchens zu fallen, das erfriert.

  • In eine Zinndose passen hundert Stück
  • zu einem Schilling und zwei Pence.
  • Er vergisst sie zu patentieren.
  • Die ersten Schwefelhölzer heißen
  • nach einem Mr. Samuel Jones:
  • Jones’s Lucifer Matches.

  • Walker wird sich eine Katze kaufen.
  • Manchmal tröstet ihn
  • ihr Phosphorzünglein auf der Hand.
  • Im Hutdach trägt er ein gesengtes Loch,
  • das bis durchs Futter geht.
  • Das merkt er nur, wenn es regnet.
geb. 1986 in Zürich, lebt in Baden (Schweiz). Er studierte Germanistik, Geschichte und skandinavische Literatur an der Universität Zürich. Heute unterrichtet er Deutsch an der Kantonsschule Baden. Garzetti schreibt Lyrik und Prosa. Zuletzt: «Mund und Amselfloh» (2018, Wolfbach).

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Da capo con rep.

Dana Shirley Schällert
20. Dezember 2022
  • sotto voce_teneramente
  • ||: Jungvogel | zausig | im am Kopf | im blassen | Flausch | die Zotteln | sprungbereit | krumm | und als | Notat noch | dotternass | lieg | leg | reg | lass | mich |aufleben | mit blau | grün | geschwollenen | Augenkugeln | wind mich | blinder | Gedankenflug | im Stau | im Schutzraum |

  • accelerando_capriccioso
  • Federn für tönende | Signifikanten geflügelte Reden | hörbar wortgewandte Ecriture | Federn führen fühle | eingeschnürter gestauchter | Kugelleib reibt sich | es beschreibt wölbend | meine Figur den steifen | partituresken engen Raum | von innen spannend | rissige Spuren Fugen | eingreifend reif drängt sie | exzentrisch

  • concitato_agitato
  • der Schnabelspitz ritzt ausreizend aus meinem | sich ticktick Picken alles an mir gespreizt gestreckt in | Bewegung der Kopf der Hals sich brecherisch reckend drehend im | jähen Aufbruch gepochte expressive Seinszeichen perforieren Schale Zwänge | Fissuren sitzen chifferngleich klackklack im weißen Kalkulierten |

  • incalzando_furioso
  • Aufriss meiner taktlos lauten Existenz Entzwei Eiderdaus | Ausbruch Flügel Schlag Schlag Flügel Anfänge Spreng Spreng Engefühl und | Reste der Fessel Schaff Schaff aus Fliegkraft Flugkraft Fliehkraft schafft Flügel Schlag

con durezza
Schlag |



  • ritardando_lentando
  • ins Gegen Gesicht | schlaff schales Gegenfühl | Schlag­Nieder­Schlageschlagen | niedergeFängnis Gefang nicht wieder | an strangulierenden | Stangen und Stäben




  • perdendo_al niente
  • Lebe nun | bloß im Anklang | flach atemlos | wieder krumm | im Liegen | seh | die Federkiele | nutzlos ruhn sie | im materiellen Leib | beiß mir | auf die zerschellende | stummpfe Zunge | im Ausklang ein flugloser Fluglotse | reiß sie | mir aus | die Kiele und Keile | und Beschreibe | mein Gefängnis | Versschreibe | Ferschreibe | -schreie | -mate :||

Dana Shirley Schällert, geboren 1981 in Hannover, hat Germanistik, Kunstwissenschaft und Philosophie studiert. Sie arbeitet als Fachleiterin für das Fach Deutsch in der Lehrerausbildung und lebt in der Nähe von Braunschweig. Sie veröffentlicht ihre Texte in Literaturzeitschriften und Anthologien.

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Am Tag

Antonie Schneider
16. Dezember 2022

Am Tag

  • des Weltendes spricht Miłosz
  • vom Summen der Biene
  • flickt der Fischer sein Netz
  • springen die Fische.

Jetzt

  • da wir ihrer gedenken
  • die da sind in den Lagern der Nacht
  • von der Gischt ausgespuckte
  • klingen die Worte hell
  • wie Muscheln in meiner Hand.
Antonie Schneider lebt als freischaffende Autorin im Westallgäu / Dreiländereck und arbeitet für ihre Projekte mit bildenden Künstlern und Musikern zusammen. Sie hat zahlreiche Kinderbücher veröffentlicht, die in viele Sprachen übersetzt wurden und internationale Anerkennung fanden, darunter auch Lyrik für Kinder. Zuletzt: «albarella» (2021, Kleinheinrich).

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Nichts wie Morgen

Stephan Tikatsch
13. Dezember 2022
  • Starre mich selbst nieder
  • Während das ewig selbe
  • Haus vis-á-vis im
  • Kaisergelb den Himmel
  • Ausbeutelt.

  • Das Vertrauen erschüttert
  • Im Traum Räume betreten wo
  • Möbel in zimmermittiger Berghülle wie vorm Ausmalen
  • Mir Kahlheit und Fragen ins Erwachen legten.

  • Beim Kaffee dann mit Oma geredet
  • Bist wieder jung sag ich. Bei allen Lieben
  • Es gibt keinen Krieg.

  • Der Radio rauscht
  • Treibt den Faradayschen Käfig durchs Unwetter
  • Die Sonne kommt raus. Die Nase läuft
  • Die Zigarette schmeckt
  • Das Bahnsignal diffundiert durch
  • Samstag-Mittag-Sirene.
geb. 1974 in Wien. 17 jahre jung. Ichtkunst, Usik, Otografie, Ochen. Veröffentlicht in europäischen lit.Gebinden. Startet 2017 die Literaturzeitung SYLTSE.

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Raumschiff

Nathalie Schmid
9. Dezember 2022
  • In den frühen Morgenstunden
  • sehe ich im Traum das Gedicht als
  • Materie flüssig und zugleich fest
  • wie Quecksilber. Wie es sich verändert
  • und zugleich die Form bewahrt.
  • Es ist noch dunkel Krähen hocken still
  • im Gerippe der Bäume der Hund scheisst
  • hinters Boot das schon seit Jahren
  • am selben Fleck steht. Ich hole Brot
  • später mache ich Feuer während
  • es aufhört zu regnen. Du stehst
  • im Türrahmen mit Motorenöl
  • an den Händen. Quecksilber
  • ist nur ein anderes Wort
  • für den Gott des Tauschhandels.
  • Florian kommt zu Besuch.
  • Sein achtsamer Blick wärmt uns
  • sein Verständnis für die Dinge.
  • Wie wir in einem Raumschiff
  • durch die Jahre gleiten ich wollte
  • sie würden sichtbar ein Gemälde
  • in das wir fallen Licht und Linien
  • zwischen den Händen das Glimmen
  • im Ofen alles zusammengeführt in
  • einem Lächeln deinem verschlafenen Blick.
  • Man würde auch sehen wie hell
  • der Ginko leuchtet mit seinen vielen kleinen
  • Blättern wie ein Angebot von morgens halb sieben
  • bis abends kurz vor sechs. Unsere Tochter
  • bringt den Hund zurück die Glut im Ofen
  • erlöscht Kaffeeduft mischt sich in Florians Zigaretten.
  • Das Öffnen und Schliessen der Zimmertüren
  • in der Stille in der wir sitzen. Ich sehe
  • wie etwas Zärtlichkeit von meinen Fingerspitzen
  • ins Spülbecken fällt. Später
  • fahren wir einkaufen über glänzende Strassen
  • um uns Felder die Jahre
  • eine Bewegung ins Licht als wäre sie
  • niemals rückläufig
  • als ginge es nur in eine Richtung
  • und nie zurück.
geb. 1974, lebt in Freienwil, CH. Studium am Deutschen Literatur Institut Leipzig, Arbeit als Autorin und Erwachsenenbildnerin. Veröffentlichung von drei Gedichtbänden. Zuletzt «Gletscherstück» (2019, Wolfbach). Im Februar 2023 erscheint der Roman «Lass es gut sein» (Geparden Verlag, Zürich).

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Frosch und Meer

Alfonsina Storni
Übersetzung Hildegard E. Keller
6. Dezember 2022
  • Bleiblau
  • webte
  • das Meer
  • seine gelb umrandeten
  • Morgendämmerungen

  • und ein Frosch
  • mit seiner dämmerungsaktiven Stimme
  • ließ das metallische
  • Tropfen
  • seines Gequakes
  • fallen.

  • Offen
  • das Unendliche
  • zu meiner Rechten
  • links
  • der mathematische Punkt
  • an dem ein Grünton
  • aus rostigem
  • Moos
  • losbricht.

  • Allein. Zerstreut.
  • Ein Vorhang
  • kalt
  • sagte ja … und nein …
  • zu Gedanken
  • auf der Flucht.

  • Und eine Tasse Tee
  • vor meinen Augen
  • war die einzige Schlinge
  • die mich
  • trauriges Tier
  • an meine tödliche Kette band.

Sapo y mar

  • Azul plomizo
  • el mar
  • tejía auroras
  • amarillas en el confín.

  • Y un sapo
  • sobre su voz
  • crepuscular, dejaba
  • caer el goterón
  • metálico
  • de su habla.

  • Abierto
  • el infinito
  • a mi derecha;
  • a izquierda
  • el punto matemático
  • rompiendo
  • en un verde
  • de musgos
  • oxidados.

  • Sola. Dispersa.
  • Una cortina
  • helada
  • daba el sí … no …
  • del pensamiento
  • huyente.

  • Y una taza de té
  • frente a mis ojos
  • era el único lazo
  • que me unía
  • animal triste
  • a mi mortal cadena.

Alfonsina Storni

Alfonsina Storni (1892-1938) schrieb Lyrik, Kolumnen, Erzählungen und Theaterstücke. Eine der wichtigsten Autorinnen Lateinamerikas vor 1939, die bekannteste Schweizerin, die nicht in einer Landessprache schrieb.

Hildegard E. Keller

Germanistin, Hispanistin, langjährige Fernsehliteraturkritikerin (SRF, ORF), Schreibcoach und Stadtführerin («Kriminelles Zürich»). In ihrem Hannah-Arendt-Roman «Was wir scheinen», der auch im Tessin spielt, hat Alfonsina Storni als Lyrikerin einen Gastauftritt.

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manchmal

Lea Gottheil
2. Dezember 2022
  • waren die nächte kurz
  • die morgen fern wie texas
  • an geburtstagen booklets
  • aus scharfkantigem kunstglas
  • ans licht gezogen
  • alle lieder
  • bald par coeur
  • pralle stunden
  • lärmende wunden

  • dann wachst du auf
  • und es ist herbst in texas

  • es ist herbst da draussen
  • es ist herbst
  • da drin
  • ertastet text
  • wie blindenschrift
  • sur ton coeur
geb. 1975, lebt in Zürich. 2009 ist ihr mehrfach ausgezeichneter Roman «Sommervogel» im Arche Verlag Hamburg erschienen. Sie ist als Schriftstellerin, Liedermacherin und Schreibcoach im Jungen Literaturlabor Zürich tätig. Zuletzt: «gläserne fuge» (2018, Wolfbach).

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die Liebe in den Zeiten des Spätkapitalismus

Clemens Schittko
29. November 2022

I

  • hast du denn jetzt einen Job?
  • such dir doch bitte endlich einen Job
  • du sollst dir einen Job suchen
  • ja, du
  • dich meine ich
  • wen denn sonst?
  • ohne Job brauchst du jedenfalls erst gar nicht nach Hause zu kommen
  • also such dir endlich einen Job
  • du sollst dir einen Job suchen,
  • habe ich dir gesagt
  • oder hast du schon einen Job?
  • wenn du schon einen Job hast,
  • dann brauchst du dir natürlich keinen Job zu suchen
  • aber wenn du noch keinen Job hast,
  • dann such dir bitte endlich einen
  • ohne Job brauchst du jedenfalls erst gar nicht nach Hause zu kommen
  • hörst du?
  • komm ja nicht ohne Job nach Hause
  • du sollst dir einen Job suchen,
  • habe ich dir gesagt
  • wenn du keinen Job hast,
  • brauchst du erst gar nicht nach Hause zu kommen
  • hörst du?
  • komm ja nicht ohne Job nach Hause
  • sonst muss ich die Sache mit uns leider beenden
  • also überleg dir bitte genau,
  • was du als nächstes tust
  • aber ohne Job läuft zwischen uns bald schon gar nichts mehr
  • also such dir endlich einen Job
  • du sollst dir einen Job suchen,
  • habe ich dir gesagt
  • oder hast du schon einen Job?

II oder: ich liebe dich

  • ich liebe dich
  • aber warum liebe ich dich?
  • warum liebe ich nicht jemand anderes?
  • und warum liebe ich überhaupt?
  • warum hasse ich nicht?
  • und warum hasse ich nicht dich?
  • warum liebe ich dich?
  • und warum liebst du mich nicht?
  • warum wirst du von mir geliebt?
  • und warum liebt dich nicht jemand anderes?
  • warum lässt du dich von mir lieben?
  • und warum tust du nichts dagegen?
  • warum hasst du mich nicht?
  • und warum hasst du generell niemanden?
  • warum liebe ich dich?
  • und warum liebe ich mich nicht?
  • ich liebe dich
  • aber warum liebe ich dich?

III oder: letzte Erledigungen vor dem Untergang

  • im Garten arbeiten
  • online sein
  • shoppen
  • vor dem Fernseher sitzen
  • Rätsel lösen
  • Bücher lesen
  • essen gehen
  • Computerspiele spielen
  • Musik hören
  • heimwerken
  • ins Fitnessstudio gehen
  • Filme schauen
  • wandern gehen
  • joggen
  • Gesellschaftsspiele spielen
  • in die Sauna gehen
  • basteln oder töpfern
  • Clubs besuchen
  • schwimmen gehen
  • Mountainbike fahren
  • Fußball spielen
  • Yoga machen
  • Rennrad fahren
  • campen
  • Tennis spielen
  • Freizeitparks besuchen
  • Fotos und Videos machen
  • reiten
  • Roller- oder Inlineskates fahren
  • auf Skiern unterwegs sein
  • angeln gehen
  • bergsteigen
  • schreiben
  • spazieren gehen
geb. 1978 in Berlin (Ost). Ausgebildeter Gebäudereiniger und Verlagskaufmann. Arbeitete u. a. als Fensterputzer, Lektor, Kirchwart, Gärtner, Empfangskraft und Lagerarbeiter. Recherchestipendium des Berliner Senats 2021. Zuletzt: Artaud ist tot (2022, XS-Verlag). Lebt in Berlin(-Friedrichshain).

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vademecum

Katharina Lanfranconi
25. November 2022
  • trink vom tau
  • der auf traubenblau
  • glitzert
  • hör was der schwere
  • brokat erzählt
  • lies die lautlosen silben
  • von den schimmernden
  • muschelrändern
  • riech den duft der lilie
  • und nimm den toten
  • vogel in die hand
  • dann leg alles zurück
  • ins bild, erst jetzt
  • geh weiter
Geboren in Luzern, erhielt ihre grafische Ausbildung an der Schule für Gestaltung in Luzern. Nach langjähriger Tätigkeit als Art Director in Werbeagenturen widmet sie sich heute vermehrt ihrer Schreibtätigkeit und ist in mehreren Luzerner Kultureinrichtungen aktiv. Zuletzt: «Das brennende Haus» (2019, Wolfbach). Ihr neuster Gedichtband wird im Frühjahr 2023 im neu gründeten Lyrikverlag edition ars pro toto erscheinen.

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Erste Tropfen

Monika Schnyder
22. November 2022
  • Erste Tropfen: Dodola
  • melkt ihre himmlischen Kühe
  • Stratus Altostratus ihre prallen Bäuche
  • die dräuenden Euter. Dodola legt sich
  • ins Zeug zieht die Zitzen lang: Regen
  • prasselt strömt ergiesst sich in Bächen
  • Der Verkehr stockt Sirenen Blaulicht
  • eine Windhose über dem See oj oj dodo
  • genug jetzt zieh ab mit deiner Herde
  • Dodole!
geb. 1945. Geboren und aufgewachsen in Zürich. Besuch des Vorkurses an der Schule für Gestaltung (heute ZHDK). Seit 2000 freie Autorin und Ägyptisch-Arabisch-Lehrerin in St.Gallen. Immer wieder auf Reisen, vor allem ans Meer. Zuletzt: «DRIFT» (2022, Caracol), «Auch Götter haben Gärten» (2019, Wolfbach).

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ich hab dir nichts versprochen

Lisa Elsässer
18. November 2022
  • nur ein paar schritte
  • durchs fegefeuer
  • kalt hatten wir nie

  • nur eine hand voll
  • schnee im licht
  • wir tranken das wasser

  • nur eine amsel
  • gesang vom baum
  • wir entwurzelten ihn

  • das feuer brannte
  • fegte über die worte
  • funken streunten durch die asche

  • unsere augen tränten im rauch
geb. 1951. Verschiedene Ausbildungen u.a. Buchhändlerin/ Bibliothekarin. 2005 – 2008 Studentin am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig. Mehrere Veröffentlichungen: Lyrik/ Prosa/ Roman. Zuletzt: «schnee relief» (2020, Wolfbach), «Im Tal» (2022, Edition Bücherlese). Wurde mehrfach ausgezeichnet.

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