später

4. November 2022
  • Etwas geht etwas voraus, wenn eine Tür ins Schloss knallt, wenn der Apfel aus der Hand unter den Stuhl rollt. Ob heftiger Wind im Spiel war oder Zorn. Er oder Sie oder Es kann bange werden. Er oder Sie oder Es kann aufbegehren. Ich will guten Morgen sagen, die Hand reichen. Ich will den Blumen frisches Wasser geben. Den Schatten sehen. Ein Mann, der eine Frau ist, hat anderes im Sinn. Sie duckt sich hinter den Wartenden am Fußgängerstreifen und überquert grußlos die Straße. Eine spätere Begegnung bringt dich zu betagten Sätzen. Es gibt die langsame Zeit, sage ich. Du greifst mit der Hand über die Stirn ins dünn gewordene Haar.

eins

  • viele Dinge im großen Glas

  • fingerstelzen, es klirrt

  • In der Büchse liegen Kekse. Der dampfende Kaffee überdeckt deren süßen Duft. Ich erschrecke über meinen zufälligen Blick in den Spiegel, über die erdwärts geneigten Mundwinkel. Wenn Konkaves Bedrängtes meint, sagst du. Niemand weiss Genaueres. Man könnte zuversichtlich sein, obwohl viele auf Widerruf vor ihren Bildschirmen sitzen. Einer hat im Glücksspiel gewonnen. Viel ist es nicht, sagst du. Trotzdem wunderst du dich über Unerwartetes, das dir jeden Tag über den Weg läuft. Ich wundere mich über die Verhältnisse zwischen Menschen und Dingen, sage ich.

zwei

  • ein Lippenstift, ein runder Klappspiegel

  • rubinrot geküsst

  • Es gibt träumen am helllichten Tag. Wenn man liebt, ist alles von Bedeutung. Die Furcht, etwas zu zerstören, was unvergleichlich ist, auch wenn sie nur im Kopf aufscheint, kann den Tag verdunkeln. Kofferzustand. Sie hat mir einen Kuss gegeben, sagst du. Ich interessiere mich für Nebensächliches. Verdachter Reiz. Im winzigen Haus am See stehen die gestapelten Stühle neben dem Klapptisch und dem gefalteten Sonnenschirm. In den Ästen der Buchen schwarzweißes Krächzen, als wäre Empörung im Spiel. Auf der Landstraße die vorbeifahrenden Autos. Was alles überrollt wird, sage ich.

drei

  • eine kleine Flasche mit Zerstäuber

  • auf die Haut gezischt

Schreibt Prosa, Essays und Gedichte. Arbeitete als Postbeamtin, au pair in GB, Bankangestellte, Blockflötenlehrerin, Lehrerin für fremdsprachige Sch&Sch. Studierte Erziehungswissenschaften und Philosophie und wurde Dozentin und Gymnasiallehrerin. Zuletzt: «weiße Linien» (2021, Ritter). «später» erscheint 2023.

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Kommentar

Wie so oft bei ihren Texten, entzieht sich auch «später» von Li Mollet der Eindeutigkeit. Zuerst ist da vor allem Sprache, durch die man sich bewegt, bewegen muss und in der man nach Halt sucht. Und zuerst steht ganz bewusst Verwunderung, wenn man mit einem so wuchtigen ersten Satz in den Text geworfen wird: «Etwas geht etwas voraus, wenn eine Tür ins Schloss knallt, wenn der Apfel aus der Hand unter den Stuhl rollt.» Wir wissen da zumindest, dass entweder etwas zeitlich vorgängig passiert ist, oder aber, dass etwas metaphorisch bereits den Raum verlässt, bevor man die Türe wütend in Schloss knallen lässt. Nur nicht was. Ein Anhaltspunkt findet sich später, wenn das lyrische Ich bemerkt: «Ich wundere mich über die Verhältnisse zwischen Menschen und Dingen». Ja, wer denn nicht?! Aber spezifisch in Mollets Text taucht diese Frage konstant auf, sei es nun zwischen dem Apfel und den beiden Menschen, der knallenden Türe und dem vorausgehenden Etwas oder den Kofferzuständen in den Köpfen der Menschen. Damit ist noch nicht viel gesagt über Li Mollets Text, aber ich wundere mich (frei von sprachlicher Koketterie), ob das überhaupt nötig ist, viel über diesen Text zu sagen, sagen zu müssen. Der Text bewegt sich doch in sich selbst fort und erzählt uns zwar wenig über sich, aber doch genug, damit wir uns selbst darin orientieren können. Es geht um Menschen und Gegenstände und um deren Verhältnisse und dazwischen, aber halt nur leise angelegt, auch um die Verhältnisse der Menschen zueinander. Im besten Sinne des Wortes bleibt Mollets Text mysteriös, weil er sich selbst nur zeitweilig offenbart, gleichzeitig aber genug Zauber versprüht, dass man ihm folgen will und mit diesem Sprachspaziergänger:innentext mitgehen will, trotz offenem, unklarem Ende. Es scheint von daher nur passend, ist der Text ein Auszug eines gleichnamigen Bandes, der bald erscheinen wird. Als Leser:in kommt man unweigerlich ans Ende dieses Textes, weiss und merkt aber auch, dass es damit noch nicht getan ist und wartet auf eine Weiterführung mit einem undefinierbaren Gefühl im Magen, fast so, «als wäre Empörung im Spiel».

Nick Lüthi

Schreibt und spricht über Bücher aus unabhängigen Verlagen für diverse Medien. Veröffentlichung von Gedichten in diversen Literaturzeitschriften.

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